"Man muss immer dran bleiben und dabei jeweils die Rollen wahrnehmen, die es für die Firma braucht." - Ein Interview mit Philipp und Tom

Melanie Mai 11, 2017

In diesem Jahr wird die Nine Internet Solutions AG 15 Jahre alt. Philipp Koch und Thomas Hug, die Gründer von nine.ch, lassen Revue passieren und sprechen über das was war, was ist und was noch kommt.

#Was macht, eurer Meinung nach, den Erfolg von nine.ch aus?

Philipp: Ganz einfach - die technische Kompetenz. Und auch die Einzigartigkeit unseres Unternehmens, die wir aufrechterhalten konnten und die in dieser Form auf dem Markt nicht vorhanden ist.

Tom: Wir haben ein starkes Team mit sehr viel Know-how und können dieses Wissen rund um die Uhr anbieten. Dies ist für manche Firmen, speziell in Bezug auf das Servermanagement, lohnenswerter als selbst ein Team dafür aufzubauen. Durch die Fokussierung auf Open Source können wir zudem ein viel tiefergehendes Know-how erreichen.

#Wie kamt ihr auf die Idee ein Unternehmen zu gründen?

Tom: Ich hatte ursprünglich gar nicht die Idee eine Firma zu gründen, sondern war einfach fasziniert von Linux, auf welchem man dank Opensource kostenlose Web- und Mailserver betreiben konnte. Da ich damals als Kantischüler nur über ein recht kleines Budget pro Monat verfügte, habe ich ein paar Mitschüler von meinem Webhosting-Angebot überzeugen können. Das hat sich dann schnell herumgesprochen und schon war es profitabel. Mit Philipp habe ich das Ganze dann nach und nach aufgebaut.

Philipp: Wir haben uns am Gymnasium in Sursee kennengelernt und waren zusammen in einer Klasse. Das war Anfang der 90er. Es war das Zeitalter von Computern und das Internet war recht weit weg. Man konnte sich zu der Zeit die ersten Computersysteme leisten - insbesondere Games - und so bin ich in diese Welt reingekommen. In der Schule mussten wir mit Turbo Pascal programmieren, was für einen kleinen Teil der Klasse ein Vergnügen gewesen ist, jedoch für den Rest eine absolute Tortur.

Ende der 90er begann der Erfolgszug des Internets und Tom wagte den Versuch damit. Damals hatte niemand eine Vorahnung, was heute alles möglich ist. Das war völlig verrückt - wir haben einfach etwas ausprobiert und dann gemerkt, dass es anzieht. Dann sind die ersten Webseiten online gegangen und plötzlich gab es einen Markt dafür. 2002 haben wir dann folgerichtig die Nine Internet Solutions AG gegründet, um auch rechtlich auf der sicheren Seite zu sein.

Tom hat zu der Zeit noch hauptsächlich studiert und wir haben das Ganze nebenbei gemacht. Oft haben wir am Abend gearbeitet hier und so hat sich das Schritt für Schritt entwickelt. 2005, als Tom das Studium beendet hatte, konnten wir das erste Rechenzentrum beziehen und spielten plötzlich, da alles viel grösser war, als das was wir bisher hatten, in einer völlig anderen Liga.

#Hattet ihr Unterstützung bei der Gründung?

Philipp: Nein, nicht wirklich. Wir hatten eine Person, die uns versicherungstechnisch abholte und nach der Gründung dann einen Treuhänder. Die Startup-Programme, die heute existieren, hat es damals nicht gegeben.

#Hättet ihr euch damals einen Partner mit einem “Startup-Scaleup-Programm” gewünscht?

Philipp: Es ist heutzutage sehr komfortabel, dass Gründer auf ein breites Angebot mit vielen spannenden Programmen und Hilfestellungen zurückgreifen können.

Damals war es ein ganz anderer Markt als heute. Man konnte etwas ausprobieren und bei der Evolution einer Firma einfach Schritt für Schritt vorgehen. In den Anfangsjahren gab es keine Notwendigkeit ein Produkt herauszugeben und dieses mit viel Marketing und Investitionen zu lancieren. Da sich der ganze Markt in der Entstehung befand, hat sich das Produkt einfach automatisch entwickelt. Man war damals direkt in der Pionierrolle unterwegs, weil alles neu war. Heutzutage findet sich kaum mehr ein Pionier, da man in allen Bereichen viel mehr machen muss als damals.

#Habt ihr jemals damit gerechnet, dass nine.ch einen solchen Erfolg haben wird und 15 Jahre nach der Gründung knapp 40 Mitarbeiter beschäftigt?

Tom: Nein! Am Anfang habe ich gar nicht realisiert, was da passiert. Ich war fasziniert von der Technik und den Servern. Als wir dann später Umsatzprognosen erstellten, haben wir diese regelmässig übertroffen. Inzwischen sind wir da natürlich, auch dank der ISO-Zertifizierungen, viel professioneller unterwegs.

Philipp: Absolut nicht! Damals war das einfach eine riesengrosse Leidenschaft, die wir zum Beruf gemacht haben und bei der wir bemerkt haben, dass man damit effektiv auch noch Umsatz erwirtschaften kann. Wir haben tagsüber im Büro zu gearbeitet und nachts im Datacenter an der Infrastruktur rumgeschraubt. Damit haben wir extrem viel Zeit verbracht, aber das war unsere Leidenschaft und somit unser Antrieb.

#Wie empfindet ihr die letzten Jahre und das Erreichen der Meilensteine?

Philipp: Unglaublich unterschiedlich. Wobei es sich nie so verändert, dass man sich einfach zurücklehnt und zusehen kann, wie es läuft. Man muss immer dran bleiben und dabei jeweils die Rollen wahrnehmen, die es für die Firma braucht. Es gibt riesige Unterschiede wie viele Mitarbeitende eine Firma beschäftigt. Vier Personen sind eine andere Liga als 15, 20 oder 30 Beschäftige. Bei 50 oder 60 Mitarbeitenden ist es dann wieder etwas ganz anderes. Das sind einfach komplett andere Welten, an die ich mich bei nine.ch angepasst habe - aber jede ist auf ihre Art spannend.

Tom: Seit ich im November 2014 aus dem operativen Geschäft ausgestiegen bin, bin ich beim Erreichen der Meilensteine nicht mehr direkt involviert. Ich freue mich über alle Erfolge, von nine.ch, wobei es etwas anderes ist, wenn man aktiv daran mitgearbeitet hat, als wenn man die Firma begleitet. Der Erfolg passiert im täglichen Geschäft und nicht im Verwaltungsrat.

#Philipp, wie war und ist der Weg für dich vom direkten Kundenkontakt zu Beginn im Vergleich zur Management-Position jetzt?

Philipp: Der Weg war und ist gut, doch die Rolle hat sich komplett verändert. Am Anfang habe ich mich um alles selbst gekümmert und konnte alles abdecken. Das war extrem spannend, da ich permanent an der Front war, alles mitbekam und entsprechend eine sehr gute Wahrnehmung hatte, was unsere Kunden sich gewünscht haben.

Jetzt ist es ganz anders. Mein Aufgabenbereich beinhaltete nun unter anderem den Einbau bestimmter Mechanismen in Prozesse und Überlegungen, wie wir Systeme automatisieren können. Ich nehme Bedürfnisse auf und sammele diese systematisch, analysiere sie und ziehe daraus Schlussfolgerungen für Verbesserungen. Es ist ein “vom völlig im Unternehmen schaffen” hin zu “am Unternehmen schaffen”. Dieser Prozess ist herausfordernd, doch nine.ch und auch ich persönlich hatten hier Unterstützung durch die Entrepreneur’s Organization (EO).

Meiner Meinung nach ist der Kundenkontakt immer noch sehr, sehr wichtig und sollte nie an Einfluss verlieren. Für nine.ch ist das einer der Kernwerte, die wir in der Firma haben aufbauen können und die dazu geführt haben, dass wir überhaupt einen solchen Erfolg haben. Gerade weil wir darauf erpicht sind, dass der Kunde am Ende happy ist.

#Tom, wie war es für dich - von der direkten Arbeit im Vergleich zur Rolle als VR-Präsident jetzt?

Tom: Der Weg war lang und gewöhnungsbedürftig! Auf jeden Fall vergesse ich den Tag, an dem ich nach elf Jahren meine Handynummer aus dem Überwachungssystem ausgetragen habe, so schnell nicht mehr.

Als VR-Präsident musste ich mich daran gewöhnen, nicht mehr alles bis ins letzte Detail zu verstehen. Das war eine Herausforderung, da ich vorher immer über alles, was nine.ch betraf, genau informiert war. Da ich mich nun mit anderen Themen beschäftige, stehen die Übung und der Anschluss an die neuesten technischen Entwicklungen hinten an. Da ich im Herzen ich ein Techniker geblieben bin, war dieser Weg eine spezielle Erfahrung.

#Wenn ihr die Chance hättet, würdet ihr etwas anders machen?

Tom: Ich würde mich früher aus dem operativen Geschäft zurückziehen und früher den Verwaltungsrat mit einem externen Mitglied erweitern.

Philipp: Vieles. Sehr vieles. Es ist aber so, dass wenn man die Frage mit “Nichts” beantworten würde, auch nichts gelernt hätte. Wenn man immer überlegt, was man hätte anders machen können, kommt man nicht weiter und schlussendlich soll man ja aus eigenen Fehlern lernen und aus den Erfahrungen etwas für die Zukunft mitnehmen.

#Was dürfen wir von nine.ch in den nächsten Monaten erwarten?

Philipp: Eine komplett neue Struktur. Und Produktinnovationen. Sagen wir es so: nine.ch hat ambitiöse Ziele für die Zukunft und wird Vollgas geben. Der Markt ist in Bewegung und heutzutage gibt es auch international eine sehr hohe Konkurrenzdichte, sodass wir uns nicht mehr nur an der Schweizer, sondern auch an der internationalen Konkurrenz messen. Der Wettbewerb ist heute ein ganz anderer als noch vor einigen Jahren. Aus dem heraus werden wir uns entwickeln und unsere Kunden dürfen sich überraschen lassen.

#Was wünscht ihr euch persönlich in Bezug auf nine.ch für die Zukunft?

Philipp: Dass die Firma auch weiterhin so gut funktioniert wie das jetzt der Fall ist und dass die familiäre Atmosphäre und die Offenheit und Direktheit weiter besteht. Und natürlich, dass wir den Groove, den wir jetzt haben auch beibehalten werden.

Tom: Dass ich auch in Zukunft stolz sein kann auf nine.ch!